Venedig mit wenig Touristen: nix wie hin

Ja, so leer war Venedig noch nie. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, die Lagunenstadt zu besuchen. Der Autor wandelt seufzend durch die engen Gassen, besucht seine Lieblingstrattorias und entdeckt auch die venezianische Küchen-Avantgarde.

Es ist wie ein Traum: Auf der Rialtobrücke stehen, die Arme ausbreiten und „Serenissima“ seufzen. Rechts niemand, links eine Familie mit zwei Kleinkindern, aber mit gebührendem Abstand, und dahinter schlendern ein paar Venezianer vom Obstmarkt auf die andere Seite. Jetzt, um zehn Uhr Vormittag, ist man fast der einzige Tourist, der auf die Gondeln runterschaut.

Ja, so touristenleer war Venedig noch nie, seit ich mich zurückerinnern kann – und das ist auch schon ein halbes Jahrhundert her. Ein idealer Zeitpunkt, in Ruhe die Lagunenstadt zu besuchen, ohne den Wahnsinnstrubel und die scheußlichen Kreuzfahrtschiffe, die einem das geliebte Venedig vermiest haben.

Mein Lieblings-Trattoria: "Trattoria alla Rivetta"

(c) Trattoria Rivetta

Hinter der Markuskirche, die man ohne langes Warten in der Schlange besuchen kann, zwei Brücken weiter, warten Kellner von der „Trattoria alla Rivetta“ auf die Mittagsgäste. Ein paar Gondoliere in ihren blaugestreiften T-Shirts sind schon da, haben ja wenig zu tun heutzutage, die Armen. Vorne an der Theke dampft und köchelt es, frische Seespinnen gibt es, und die Sarde in Saor, eingelegte Sardinen mit Zwiebel, sind für mich die besten der Stadt.

Und dann natürlich Fritto misto, die frittierten Fischlein und Tintenfische. Nix Besonderes halt, aber trotzdem ein wahres Gaumenfest. Gemeinsam mit den Spaghetti Vongole und dem Sauvignon Blanc aus Venetien ein Mittagsmahl, wie es sich gehört. Beim Rausgehen drückt einem Chef Giulio noch einen Grappa in die Hand, ein bisserl scharf zwar, aber angenehm, ich muss ja heute nix mehr arbeiten. Sie haben es erraten, die „Rivetta“ ist meine Lieblingstrattoria hier in Venedig.

"Corte Sconta"

(c) Corte Sconta

Weil wir schon bei den Lieblingsplätzen sind: Abends pilgere ich ins „Corte Sconta“ auf halbem Weg zwischen Markusplatz und den Giardinis, wo normalerweise die Kunstbiennale über die Bühne geht (wenn sie denn stattfindet im nächsten Jahr, Genaueres weiß man ja noch nicht). Schwer zu finden in den verwinkelten Gässchen ist diese spezielle Trattoria, aber wer sie gefunden hat, wird sich glücklich schätzen. Juniorchef Marco serviert Seafood vom Feinsten. Ich liebe die Vorspeisenplatte mit Schwertfisch-Carpaccio, mariniertem Tuna, Muscheln, nochmals Seespinne, Scampi, Sardinen. Und dann zum Drüberstreuen eine Fischplatte mit all dem, was die Adria hergibt. Alles zusammen 60 Euro, da kann man doch nicht meckern, da ist auch noch ein ordentlicher Wein von der ausführlichen Karte dabei.

„Il Ridotto“ und die Nuova Cucina Veneziana

Aber nach vielen Jahren Wahrung der Tradition – und, damit verbunden, auch kulinarischem Stillstand – hat sich in der Lagune endlich auch etwas in Richtung Moderne bewegt. Trendsetter war Gianni Bonaccorsi, der mit dem „Il Ridotto“ die Nuova Cucina Veneziana eingeleitet hat. Chef Gianni mit Sohn Nicolo tischt in seinem 18 Plätze umfassenden, hell-modernen Ristorante Klassiker in neuem, leichterem Küchenstil mit Crossover-Einflüssen auf. Die Jakobsmuscheln kommen mit geräuchertem Schwarztee, die kleinen Oktopusse mit Favabohnen- Püree, die Pasta mit Seeigel und die Scampi mit einer Creme von geräuchertem Hering. Klingt anregend? Ja, aber das billigste Menü kostet 95 Euro. Daher mein Tipp: zum Lunch gibt’s drei der Kreationen als Tapas und einen der grandiosen Fischgänge in voller Größe um 35 Euro.

restaurant il ridotto venedig italien
(c) Il Ridotto

Local und Ai Mercanti

Auf diesen Spuren und ähnlichen Preisen wandelt auch Matteo Tagliapietra, der mit seiner japanischen Frau an der Seite bei den berühmtesten Namen gelernt hat, vom „Nobu“ in London bis zum „Noma“ in Kopenhagen und bei vielen Besuchen in Tokio zwischendurch. Das merkt man beim Menü in seinem „Local“, dem neuesten Gourmet-Hit in Venedig: Makrelentatar mit wildem Fenchel, Lobster mit Kalb und Plankton, Spaghetti mit Tintenfisch und Koriander, Steinbutt mit Estragon und zum Schluss ein klassischer Sgroppino, also ein Zitronensorbet mit Grappa.

Einfach grandios, vertrauen Sie mir. Und Nummer drei bei der neuen venezianischen Küche ist für mich das „Ai Mercanti“, das sich selbst Gastrosteria getauft hat – also ein Mittelding zwischen Wirtshaus und Restaurant, eine Anspielung auf die Gastro-Pubs in London. Auch hier zum Teil waghalsige Kombinationen (die Sardinen mit Guacamole und Nachos, der Stockfisch mit Kokos und Zitronengras), aber für die Kinder gibt’s auch Hamburger, und die Preise sind erschwinglich.

Das alte Venedig

Ist ja gut, bedeutet mir ein befreundeter Industrieller, aber Venedig und Hochzeitstag, da brauch ich schon das alte Venedig, du weißt schon. Okay, verstanden, wo man damals war und heute nochmals feiern will. Etwa im alteingeführten „Da Fiore“ in San Polo. Dort bucht man am besten einen Tisch mit Fensterblick zum Kanal. Oder im „Alle Testiere“ auf halbem Weg zwischen Markusplatz und Rialto-Brücke, das gibt’s auch schon mehr als 20 Jahre. Nur 22 Sitzplätze und ein wenig kreativer als das „Fiore“, aber trotzdem gemütlich. Vielleicht ist ja das der richtige und gediegene Platz für Hochzeits- oder Geburtstag.

Und dann, wenn die Brieftasche (zu) prall gefüllt ist, kann man auch das „Quadri“ am Markusplatz buchen, im ersten Stock über dem berühmten „Caffè Quadri“, wo zu jeder Stunde der Donauwalzer von der vierköpfigen Kapelle intoniert wird. Ein Michelin-Stern, Restaurateur und Koch Massimo Aljamo hat die Speisen kreiert, und zwei andere Köche stellen sie her. Das Neun-Gänge-Menü kostet 225 Euro, und wer einen Tisch mit Blick auf den Markusplatz ergattern will, darf nochmals 150 Euro für die Reservierung blechen. Alles zusammen kann man für zwei Personen mit Wein an die 800 Euro rechnen – na ja, da würd ich eher zum Erwerb eines kleinen Diamantringes raten, wenn der Anlass des Dinners entsprechend ist.

Bacaris in Venedig: "Cantina do Mori"

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(c) Bancogiro

Wo immer das Essen schmeckt, vorher oder nachher (am besten beides) sollte man in Venedig eine der typischen Bacari aufsuchen – diese kleinen Weinbars, meist an einem der Dutzenden Plätze, wo sich die Einheimischen nachbarschaftlich auf ein Glaserl treffen und die Touristen, wenn sie nicht zu laut sind, auch dabei sein dürfen. Ein Achterl in der Hand und vor sich einen Teller mit den „Cicheti“, den tapas-artigen Häppchen, die man an der Theke zusammensammelt, so lässt sich die Lagunenstadt am besten zelebrieren. Übrigens, das Achterl wird „un’ombra“ genannt, also „ein Schatten“, warum auch immer. Und der Name „Cicheti“ stammt vom Lateinischen „Ciccus“, was so viel wie „eine kleine Menge“ bedeutet – egal, Mozzarella, Stockfisch, Oliven, Thunfischbällchen oder Sardinen munden vorzüglich, falls sie tatsächlich frisch sind. Was nicht bei allen Bacari auch tatsächlich der Fall ist. Manchmal sind sie schon vor Stunden zubereitet worden, und man merkt ihnen das leider an. Daher auch hier: Vorsicht bei der Wahl der richtigen Lokalität, es gibt ja viel zu viele davon. Da bietet sich die „Cantina do Mori“ an, die älteste Weinbar, und das laute „Bancogiro“, beide hinter der Rialto-Brücke. Oder das vornehmere „All Arco“, da gibt’s auch richtiges Essen. Und der kleine, aber feine Weinladen „Già di Schiavi“.

Bacaro Risorto Castello

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(c) Già di Schiavi
Mir am liebsten ist der Bacaro „Risorto“ hinterm Markusplatz, der hat zumindest bis eins in der Nacht offen, und ich gedenke des verblichenen Harald Juhnke, der mal sein Glück so definiert hat: „Keine Termine und leicht einen sitzen …“

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