Bonjour, Côte d’Azur, auch ohne Yacht

Sechs verschiedene Austern, fünf verschiedene Shrimps, Krabben, Hummer und Muscheln jeglicher Art aufgetürmt auf Holztischen – so stellt man sich ein südfranzösisches „Fruits de Mer“-Lokal vor.

Die unscheinbare Nebenstraße

Café de Turin
(C) Café de Turin

Das „Café de Turin“ in Nizza entspricht genau dem Klischee, am Platz Garibaldi, unweit vom alten Hafen sind die Einheimischen noch in der Überzahl und daher die Preise auch erschwinglich. Viel frisches Meeresgetier, ein Glaserl Sancerre oder ein Rosé aus der Gegend, schöner kann ein Urlaub an der Côte d’Azur nicht beginnen.

30 km weiter, in einer unscheinbaren Nebenstraße von Cannes zwischen der berühmten Croisette und der Einkaufsstraße Rue d’Antibes, liegt das „L’Affable“, das Paradebeispiel für ein französisches Neo-Bistro. Hell und unverschnörkelt und mit der besten Gänseleber weit und breit. Der Service ist freundlich und zuvorkommend, was, ehrlich gesagt, in dieser Gegend nicht selbstverständlich ist, und die Preise sind jahrein jahraus dieselben. Egal, ob gerade Hollywood bei den Filmfestspielen feiern lässt oder im Spätherbst sich nur gelegentlich Touristen verirren.

Die beste Bouillabaisse der Küste

Chez Camille
(C) Chez Camille

Noch einmal 60 km und wir sind in St. Tropez, wo die angeblich Schönen und angeblich Reichen ihre liebste Spielwiese gefunden haben. Doch im „Chez Camille“ in Ramatuelle ist davon nichts zu spüren. Die ehemalige Bretterbude am kleinen Strand ist zwar einem stabilen Aluminiumgerüst gewichen, aber die Bouillabaisse ist die gleiche geblieben – wahrscheinlich eine der besten an der Küste, Marseille mit eingeschlossen. Die Kinder können in Tisch-Sichtweite im Meer planschen und Mama und Papa sich auf ihre Fischsuppe mit Dorade, Petersfisch, Rotbarsch und Tintenfisch konzentrieren.

Was haben diese drei Lokale gemeinsam? Sie sind hervorragende Restaurants, die sich nicht nur Yacht und -Villenbesitzer und deren kapitalkräftige Entourage leisten können. Restaurants, die auch für unsereins erschwinglich sind: Die Meeresfrüchte-Platte im „Café de Turin“ pro Person ab 25 Euro, das Menü im „L’Affable“ um wohlfeile 45 Euro und, wenn man sich die Bouillabaisse teilt, auch nicht mehr als 50 Euro pro Kopf und Nase in der „Camille“. Genau auf eine derartige Gastronomie wollen wir uns hier und heute konzentrieren – nicht auf die altbekannten, meist sauteuren, Sterne- und Haubenküchen. Sondern im Mittelpunkt steht eine Kulinarik, die leistbar, aber trotzdem qualitativ hochwertig ist. Und da gibt es glücklicherweise genug zu berichten.

Denn die Bistromania, also das Wiederaufleben der französischen Bistros in neuem Gewand, hat bei diesem Trend mitgeholfen und endlich auch die Côte d’Azur erreicht. Und das ist gut so, denn nach dem pandemie-bedingten Ausfall der russischen und der asiatischen Gäste besinnen sich die einst hochnäsigen Gastronomen am Mittelmeer auch auf „Normalos“ wie du und ich, deren Brieftasche weder durch große Immobiliendeals noch durch Aktienspekulationen aufgefüllt worden ist.

Die kulinarische Qual der Wahl

L'Eau De Vie
(C) L'Eau De Vie

Wer in der französischen Mittelmeerstadt landet, hat kulinarisch die Qual der Wahl. Neben Restaurantlegenden wie dem oben beschriebenen „Café de Turin“ ist in den letzten Jahren eine regelrechte Kolonie von Neo-Bistros entstanden. Jungköche, die bei den großen französischen Chefs gelernt haben, eröffnen reihenweise neue, kleine Genussplätze in Nizza. Das „L‘Eau de Vie“ in der Altstadt bietet Bistroküche mit italienischen und spanischen Anleihen an, im „Chabrol“ gibt’s Fisch mit Zucchiniblüten oder Kalbsnüsschen mit Bohnen um 25 Euro und nebenan bei „Jan“ hat ein junger Südafrikaner ein romantisches Mini-Lokal aufgemacht, wo er seine Heimatküche (z.B. Biltong, Trockenfleisch) mit der französischen vermählt. Oder man besetzt einen der sechs Tische im „Pure & V“, wo lange vorzubestellen ist, um in den Genuss von Grouper mit Pastinaken-Chips und Blutorangen zu gelangen. Oder es geht zum Diner im „La Merenda“ vom ehemaligen Sternekoch aus dem noblen Negresco-Hotel. Oder man probiert französische Tapas im „Le Lavomatique“ – ja, richtig, dort war bis vor kurzem eine Wäscherei beheimatet.

Dazu kommen noch die Bistro-Klassiker von „Le Bistrot D’Antoine“ (unbedingt die mit Kohl gefüllte Ente probieren) über das „Comptoir du Marché“ (Lachs mit Roten Beeten) bis zu hin zum „Peixes“ (dort gibt’s Fisch, Fisch und Fisch). Ehrlich, hier in Nizza gibt‘s die beste Bistro-Kultur außerhalb von Paris.

Auf halbem Weg nach Cannes, in La Colle-sur-loup hat ein Großer, nämlich Alain Llorca, sein gleichnamiges Feinschmeckerlokal eröffnet. Das Menü – Foie Gras mit Kirschen-Chutney, Lamm mit Thymian und Artischocken und als Abschluss eine sagenhafte Schokoladecreme mit Vanille und Kakao – kostet zwar schon 90 Euro, aber dafür bekommt man den wunderbaren Blick auf das mittelalterliche St. Paul de Vence gratis dazu. „Ich habe in der Pandemiezeit viel dazu gelernt, wie man besser organisiert und mir auch viele neue Kreationen überlegt. Zeit dafür hatte ich ja genug“, erzählt er nach dem Essen. Anmerkung: Das Überlegen hat sich ausgezahlt, bei Llorca bekommt man heute die wahrscheinlich beste französische Hochküche zu einem vernünftigen Preis an der Côte d‘Azur.

Die Flaniermeile am Strand

In der Festivalstadt ist das Gastronomiegeschäft im Sommer wieder voll angelaufen. Durch die Altstadt und an der Croisette, der Flaniermeile am Strand, schieben sich Touristenströme wie selten zuvor – nach Corona ist ja einiges an Urlaubsfreuden nachzuholen. Und das Gute an der Gastronomie von Nizza und Cannes ist, dass die besten Lokale auch im Herbst und im Winter offen haben. Das moderne Bistro „L’Affable“ wurde schon erwähnt, andere wie das „La Mome“ in der Fussgängerzone oder das „Bistrot Gourmand“ mit einem großartigen Beef Tartare und Pommes Allumettes (also den dünnen, streichholzartigen) können da nicht ganz mithalten, aber sind einen Besuch wert, wenn „L’Affable“ wieder mal ausverkauft ist.

Das Gegenstück zu den Neo-Bistros ist das „La Cave“: Früher war das Wirtshaus Gitanes-rauchgeschwängert und der Fussboden voller Löcher, dort wo die Zigaretten ausgedämpft wurden. Die Renovierung hat dem „La Cave“ gutgetan, aber die Küche ist für konservative Bistro-Genießer gleichgeblieben: Trüffel-Nudeln, Kalbsbries oder Nieren mit Morcheln, ein Chateaubriand mit krossen Pommes Frites – und dazu eine sagenhafte Auswahl an Weinen zu moderaten Preisen, Bordeaux und Burgund inbegriffen.

(C) La Cave

Exzellent nach Anweisungen der Sterneküche

Villa Archange
(C) Villa Archange

Die Sterneköche von „Oasis“ und von der „Villa Archange“ haben dem Trend nach leistbarer Verköstigung ebenfalls nachgeben müssen. Im „Bistro L’Oasis“ und im „Bistro des Anges“ wird nach Anweisung der Chefs gekocht und zwar wirklich exzellent und zu Menüpreisen von unter 40 Euro. Natürlich fehlt die gestärkte Tischdecke, das Silberbesteck, der behandschuhte Maitre – aber ehrlich gesagt, es geht ja ums Essen und nicht um Rituale, die in die Jahre gekommen sind.

Wer direkt am Strand essen will, den muss man vor den diversen Beach Clubs warnen – meistens teuer und mit wenig Esprit. Wer‘s wagen will, dem sei an der Croisette das „L’Ondine“ empfohlen. Fürs richtige Strandessen sollte man aber die Fähre vom alten Hafen nehmen und in 15 Minuten rüber auf die Insel Saint-Honorat schippern. Im „La Tonnelle“ mit wunderbarem Blick aufs Meer sind nicht nur die Yachties zu Gast, auch für eine ganz normale Familie ist der Besuch machbar – ein ganzer Fisch um 70 Euro für vier und eine Flasche Rose von der Nachbarinsel kann man sich einmal gönnen. Bitte vorher anrufen, denn im Oktober wird zugesperrt und erst zu Ostern wieder aufgemacht.

restaurant plage ondine
(c) Plage Ondine

Drei Gänge direkt am Hafen

restaurant le girelier
(c) Le Girelier

Selbst im El Dorado derer, die nicht auf den Preis schauen müssen, hat sich preislich einiges getan. Es gibt immer mehr Lokale, die die Yachtbesitzer Yachtbesitzer sein lassen und sich auf den einfachen Besucher konzentrieren. Der bekommt etwa im „Le Girelier“ direkt am Hafen (neben dem legendären Café Senequier mit seinen roten Holzstühlen, in denen sich einstens schon Brigitte Bardot geräkelt hat) mittags um 29 Euro und abends um 39 Euro ein dreigängiges Menü serviert, das sich sehen und schmecken lassen kann. Chef Aimé Stoesser ist da konsequent: „Unser Lokal muss sich jeder leisten können!“ Aber auch daneben im „La Petite Plage“ kann man hervorragend zu zivilen Preisen essen. Niemand geringerer als Eric Frechon, Dreisterne-Koch aus Paris, steht hinter dem Konzept: In-Restaurant samt Cocktail Bar in einem, und das Ganze mit Blick auf den Yachthafen mit den teuersten Booten, die im Mittelmeer unterwegs sind.

restaurant banh hoi
(c) BanH-Hoï

Bistros sind rar in Saint Tropez, von intimen Lokalen kann man hier bei hohen Grundpreisen und kurzer Touristensaison nicht leben. Zwei Geheimtipps trotzen den Protzrestaurants: das „BanH-Hoï“, ein kleines vietnamesisches Lokal, gleich beim Rathausplatz, wo man windgeschützt auch im späten Herbst Beefsalat, Nems und Ravioli, Yellow/Green Curry Chicken und Monkfish in Ginger-Sauce genießen kann. Oder das marokkanische „Salama“, das auf dem berühmten Place de Lice aufgemacht hat und mit erstklassigen Tajines und Couscous aufwartet.

Natürlich kann man auch in den diversen Beach Bars essen – aber wie in Cannes meistens extrem überteuert: Rohkost um 100 Euro (im Club 55) oder eine Flasche billigsten Rosé, der im Supermarkt um 4,90 angeboten wird, um satte 50 Euro (Nikki Beach)! Das muss man sich nicht wirklich geben, auch wenn man die dekadenten Champagner-Duschen rechts und links vom Tisch dadurch versäumt.

Zwei neuere Etablissements bieten seit kurzem auch ordentliches Essen an, das seinen Preis wert ist. Das „Bagatelle“ am Pampelonne-Strand wird von einem Pariser Restaurateur geführt, dessen kulinarisches Bemühen man durchaus spüren kann und das brandneue „Gigi“ am Strand von Ramatuelle – eröffnet im Sommer 21 – hat mit Abstand die beste Küche von allen Beach Clubs: Carpaccio vom Loup de Mer oder vom Beef, ein Tagliata vom Thunfisch oder ein Limonen-Huhn mit Gnocchi, da kann man nicht meckern. Qualität am Strand – neu für St. Tropez!

Allerdings sperren die meisten der Beach Bars wie auch die Bistros und Restaurants im Winter zu. Die „Grande Braderie“, der gemeinsame Abverkauf in allen Geschäften (wer will denn schon mit dem Look von heuer im nächsten Jahr herumlaufen) leitet Anfang November die tote Saison ein. Dann wird Saint Tropez wieder zu dem, was es einmal war, vor vielen Jahren, bevor es der Jetset entdeckt hat: ein verträumtes Fischerdorf, in dem nach neun Uhr abends die Lichter ausgehen…

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